Ubuntu Touch auf dem Nexus 5: Das Review.

Okay, ich hatte Ubuntu Touch nach der eher holprigen Installation dann doch Testweise einmal 72 Stunden auf meinem Nexus 5 installiert. Ich habe mein Review hier nach den meiner Meinung nach wichtigen und interessanten Kategorien aufgestellt - bei weiteren Fragen gerne die Kommentarfunktion nutzen. ūüėČ

Der erste Start unter Ubuntu Touch.

Direkt zu Beginn werden wie erwartet ein paar erste Daten abgefragt. Das sind im Prinzip Spracheinstellungen, Verbindung zum WLAN und Personalisierung durch Eingabe von Vor- und Nachname. Zum Schluss kann man sein Smartphone vor unbefugten Zugriff Dritter mithilfe von einer PIN oder einem Passwort sch√ľtzen. Anschlie√üend begr√ľ√üt einen der von Mark Shuttleworth benannte "Welcome-Screen".

Welcome Screen von Ubuntu Touch

Das System vermittelte mir im ersten Eindruck zwar etwas ungewohntes und befremdlich wirkendes. Dennoch wirkt das Design und der Stil durchdacht und konsistent. Wer den modernen, minimalistischen Stil mag, d√ľrfte gefallen an dem System finden.

Die Hardwareunterst√ľtzung.

Laut UBPorts wird relativ viel unterst√ľtzt, im Prinzip alles au√üer Bluetooth. Das stimmt auch so, allerdings in einigen Punkten mit Einschr√§nkungen. Meistens fallen diese gar nicht mal so stark ins Gewicht, f√ľr den ein oder anderen k√∂nnte das allerdings eine gr√∂√üere H√ľrde darstellen. Bei der Hardwareunterst√ľtzung muss man nat√ľrlich einfach dazu sagen, dass die Hardware ja offiziell gar nicht von Canonical unterst√ľtzt wird, sondern nur inoffizielle Ports existieren.

WLAN.

Das WLAN-Modul wird prinzipiell unterst√ľtzt. Nach dem ersten Start wurde mir ja auch angeboten, mich mit meinem WLAN-Netz zu verbinden. Das Telefon hat auch einige Netze gefunden - nur meine beiden nicht. Weder das 2,4Ghz noch das 5Ghz Netz. Beim 5Ghz dachte ich mir "Okay, dann hat Ubuntu f√ľr Nexus 5 (noch) keine 5Ghz-Unterst√ľtzung". Aber warum konnte ich die 2,4Ghz-Netze meiner Nachbarn sehen, nur meines nicht? Ich habe einige Zeit gebraucht, da kam mir die Idee: Kanal 12 und 13 werden ignoriert (vermutlich, da sie in den USA nicht freigegeben sind, sondern eher in Europa/Japan). Naja was solls, dann wechsel ich diesen eben - und schon funktioniert auch die WLAN-Verbindung.
Sogar in ein PEAP gesichertes Netz konnte ich mich in der Hochschule einwählen.

Kamera.

Funktioniert auch nur teilweise. Ich selbst bekomme auch bei schlechteren Lichtverh√§ltnissen ganz gute Bilder damit hin ("gut" ist nat√ľrlich subjektiv zu betrachten). Die Aufnahme von Videos hat bei dem Nexus 5 leider nicht funktioniert, dabei ist die Software abgest√ľrzt.

Akku.

Eigentlich m√ľsste ich so etwas schreiben wie "schwierig zu beurteilen"; "h√§ngt von der Nutzung ab"; oder "mein Akku ist ja schon seit einem Jahr in Benutzung und daher sicher schon ein wenig abgenutzt". Leider kann ich direkt sagen: der Akkuverbrauch unter Ubuntu Touch ist enorm viel h√∂her, sowohl im Vergleich zu Android, als auch zu Sailfish OS. Der Akkuverbrauch ist wirklich grottig. 2 Telegram-Nachrichten habe ich an meinem dritten Tag beantwortet und bin nicht einmal volle 9 Stunden √ľber die Runden gekommen.

Bluetooth.

Funktioniert tats√§chlich nicht, benutze ich aber ohnehin fast nie. War f√ľr mich also kein gro√üer Verlust.

Die Software.

Nun ja, die Software ist ja das eigentlich Interessante.  Shuttleworth hat in seinem Video damals ja viel Versprochen, Ubuntu Touch wird in den Medien meist mit Scopes und Wischgesten beworben. Ganz aktuell gibt es sogar seit einigen Tagen ein Tablet mit Ubuntu Touch zu kaufen, welches mit der lang ersehnten Konvergenzmöglichkeit beworben wird.

Scopes.

Android und iOS verwenden den allseits bekannten, sogenannten App-Grid. So werden die Apps auf einer oder mehreren Seiten des Bildschirms abgelegt, welche man dann mit einem Klick √∂ffnen kann. M√∂chte man so also beispielsweise eine Nachricht per Telegram versenden, muss die App ge√∂ffnet werden, damit die Nachricht geschrieben werden kann. Will man anschlie√üend noch seine Trainingsdaten bei Jefit aktualisieren, muss man die Telegram-App wieder verlassen und eine neue App (Jefit) dazu √∂ffnen. Was sind also nun Scopes? Nun ja, diese bilden quasi die einzelnen eben genannten "Seiten" ab. So hat man z.B. den "Anwendungen"-Scope, auf welchem die einzelnen Apps als Icon hinterlegt sind (so, wie man es von einem App-Grid her kennt). Wischt man allerdings nach links oder rechts, gelangt man zum n√§chsten Scope, das k√∂nnte dann z.B. ein "Nachrichten"-Scope sein, welcher Nachrichten aus verschiedenen Quellen (z.B., RP, Spiegel Online, Focus Online, usw.) sammelt und diese geb√ľndelt darstellt. Dann k√∂nnte man auf der n√§chsten Seite einen Musik-Scope antreffen, welcher die Musiksammlungen aus Spotify, Napster und den lokalen Musikdateien anzeigt und ggf. sogar direkt abspielt. Man muss also nicht unbedingt eine App √∂ffnen um irgendetwas zu tun, im Idealfall wischt man nach links oder rechts und gelangt einfach zur n√§chsten Ansammlung von Daten. Soweit jedenfalls in der Theorie.
Ich pers√∂nlich habe ein paar Scopes ausprobiert, finde allerdings, dass die Umsetzung recht schlecht ist. So werde ich beim Twitter-Scope permanent aufgefordert mich anzumelden, beim Telegram-Scope ist es Gl√ľckssache, ob und welche Nachrichten angezeigt werden. Gerade bei den "Core-Scopes" erwartet man eigentlich gut funktionierendes Material, da es scheint als w√ľrden diese direkt von Canonical stammen.

Apps.

Apps gibt es nat√ľrlich auch. Teilweise sollten diese mit den Scopes interagieren k√∂nnen, teilweise sind es einfach nur eigenst√§ndige Apps. Einen kleinen Satz spendiert Canonical direkt zu Anfang bei: So sind z.B. eine nicht richtig funktionierende Kamera-App oder auch ein kleiner Taschenrechner an Bord. √úbrige Apps sowie Scopes k√∂nnen aus dem Ubuntu-Store bezogen werden. Dort gibt es aktuell etwas √ľber 2000. Eine Telegram-App ist auch vertreten, allerdings nur mit sp√§rlichem Umfang. So werden Smileys nur eingeschr√§nkt unterst√ľtzt, Sprachnachrichten gar nicht. Der integrierte Browser kommt bei html5test.com auf >500 Punkte(!). Das ist mehr als Safari oder Firefox. Leider macht das Surfen trotzdem keinen Spa√ü, wegen der wirklich richtig schlechten Perfomance.

Bei Ubuntu Touch gibt es nat√ľrlich das √ľbliche Henne-Ei-Problem: Es gibt wenig Apps, also wird das System wohl nur von wenigen Menschen benutzt werden. Wird das System allerdings von nur wenigen Menschen benutzt, so ist es f√ľr Entwickler eher uninteressant, Apps f√ľr ein solches System zu entwickeln.

Sonderfälle wie WhatsApp.

Eine WhatsApp-App oder einen Scope gibt es f√ľr Ubuntu Touch nicht. Dieser Umstand d√ľrfte sich Dank der eigenen weltweiten Verbreitung eher weniger beg√ľnstigend auf die weitere Verbreitung des Systems auswirken. √úberhaupt gibt es da nicht wirklich viel im Ubuntu-Store. Leider ist auch nicht jeder so eigen wie meine Wenigkeit und f√§ngt an, ~40 Leute auf Telegram zu konvertieren.
Nat√ľrlich gibt es da dann dieselben Aufschreie, wie bei anderen Nischenprodukten (Windows-Phone): wegen dem Henne-Ei-Problem...
...da m√ľsste Ubuntu Touch schon mit anderen gravierend guten Alleinstellungsmerkmalen punkten.

Dash Leiste von Ubuntu Touch

Fenstergallerie unter Ubuntu Touch

Systemeinstellungen unter Ubuntu Touch

 

 

 

 

 

 

 

 

Systemeinstellungen.

Die Systemeinstellungen bieten an dieser Stelle ein paar begrenzte Einstellungsm√∂glichkeiten, sogar VPN ist konfigurierbar. ¬†Die deutsche Lokalisierung scheint weitestgehend abgeschlossen, so dass man das System auch in deutscher Sprache genie√üen kann. Diverse Online-Konten lassen sich einrichten (Twitter, Google, Ubuntu One, ...) und so lassen sich sogar die bei Google gespeicherten Kontakte importieren. Schade an dieser Stelle ist nat√ľrlich, dass es daf√ľr keine hauseigene L√∂sung gibt.

Sicherheit.

Das System l√§sst sich nicht komplett verschl√ľsseln, wie iOS oder Android. Sowas w√§re nat√ľrlich gerade bei einem OpenSource-Betriebssystem ein enormer Mehrwert, denn dann m√ľsste man nicht Apple oder sonst einem Hersteller vertrauen, dass diese nicht doch Hintergrunddaten im Geheimen abgreifen.
Aber: Immerhin lässt sich der Bildschirm mit PIN- oder Passwort-Sperre versehen. und das Berechtigungssystem ist auch gar nicht mal so schlecht. So muss bei einer App erstmaliger Hardwarezugriff durch den Benutzer genehmigt werden. Hierbei gibt es allerdings schon Unterschiede zu dem etablierten Duo-Pol: Diese Berechtigungen werden auch bei System-Apps abgefragt. Das Konzept wird also durch und durch konsequent umgesetzt und macht keine Ausnahme vor irgendwelchen "vorinstallierten Apps von Werbepartnern".

Die Steuerung.

Die Steuerung erfolgt √ľber Wischgesten. Das hei√üt, es gibt an sich keine Vor- oder Zu√ľck-Buttons, keinen Home-Button oder √§hnliches. Man wischt einfach auf dem Bildschirm von links nach rechts um die Men√ľleiste anzeigen zu lassen, man wischt von oben nach unten um die Statusleiste zu √∂ffnen, man wischt von rechts nach links um eine √úbersicht aller Apps zu erhalten.
Die Steuerung empfinde ich nach nur bereits 72 Stunden bereits als intuitiver. Allerdings hat es auch ein paar Stunden gedauert ehe ich mich daran gewöhnt hatte.

Performance.

Der meiner Meinung nach größte Schwachpunkt des momentanen Entwicklungsstands. Verzögerte Bedienung und sekundenlange Ladezeiten bei jedem Start einer App bewirkt eher steigende Frustration, als Lust auf mehr.

Fazit.

Mit Ubuntu Touch hat sich Canonical hohe Ziele gesteckt. Tats√§chlich¬†geschafft habe sie, ein Betriebssystem mit neuen und frischen Konzepten auf den Markt zu werfen. Naja. Welcher Markt? Genau das habe ich mich auch gefragt. Das System ist schnarchlangsam, st√ľrzt dauernd ab, ob Apps funktionieren oder nicht ist reine Gl√ľckssache, sei es √ľberhaupt der Fall, dass es bestimmte Apps f√ľr dieses Smartphone existieren, der Akku h√§lt keinen halben Tag durch. Nach √ľber 2 1/2 Jahren hat Canonical es leider immer noch nicht geschafft, ein aus meiner Sicht vollwertiges Betriebssystem auf den Markt zu bringen. Es macht leider mehr und mehr wieder den Eindruck, dass Ubuntu Touch sich in die Reihen von Ubuntu One, Upstart oder dem Ubuntu-Software-Center gesellen wird. Andererseits sind nat√ľrlich nicht alle Eigenentwicklungen von Canonical schlecht. So scheint Unity ein wirklich brauchbarer und ebenso stabiler Desktop zu sein. Vielleicht fokussiert Canonical ja noch rechtzeitig seine Ressourcen auf Stabilit√§t und Geschwindigkeit, so dass das System erst einmal wirklich "benutzbar" erscheint. Wenigstens auf den BQ-Ger√§ten w√§re das w√ľnschenswert. Das System weist durchaus positive Ans√§tze auf - nur sollten diese auch wirklich mal g√§nzlich umgesetzt werden und nicht auf halber Strecke liegen bleiben.

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